Jugendpolitische Veranstaltung
Chancenlosigkeit abbauen – Extremismus verhindern!

Es wird nichts Gutes, außer man tut es – Diese Anleihe an Erich Kästner trifft den Kern der Großveranstaltung, die die dbb jugend am 6. Juli 2009 im dbb forum berlin durchgeführt hat. Kompetente Referenten sowie betroffene Schülerinnen und Schüler befassten sich mit den Möglichkeiten und Erfordernissen, Chancenlosigkeit bei Jugendlichen und Kindern abzubauen, um dadurch Extremismus zu verhindern. Nach einer Begrüßung durch den Vorsitzenden der dbb jugend Michael Westphal führte die stellvertretende dbb Bundesvorsitzende Astrid Hollmann in ihrem Grußwort in die Problematik ein.

Die neue Gesellschaft

Hollmann verwies auf die zentrale Bedeutung der frühkindlichen Bildung für die erfolgreiche Integration von Kindern mit Migrationshintergrund: „In dieser Gesellschaft kommt nur der zurecht, der gut deutsch spricht. Schulen und Kitas haben also eine elementar wichtige Integrationsaufgabe..“ Hollmann wies zudem darauf hin, dass eine erfolgreiche Integration nicht nur eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft sein kann, sondern immer auch die Schaffung einer neuen gemeinsamen Gesellschaft bedeuten müsse.  „Bei gelungener Integration ist der Migrationshintergrund kein Makel mehr, sondern eine Zusatzqualifikation“, so Hollmann. Der öffentliche Dienst könne Vorbildfunktion übernehmen und sich bei der Nachwuchsgewinnung mehr Bewerbern mit Migrationshintergrund öffnen. „Ein integrierter öffentlicher Dienst spiegelt auch beim eigenen Personal die gesamte Gesellschaft wieder.

Engagement mit Geduld

Mit dem Bekenntnis „Ich mag das Wort Migrationshintergrund nicht“ referierte Wolfgang Thierse zum Thema „Die Bedeutung der Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund für eine gelungene Integration“. Der Bundestagsvizepräsident erinnerte daran, dass seit dem Zuzug der ersten Gastarbeiter Deutschland ein Einwanderungsland, ein Schmelztiegel von Menschen und Kulturen geworden sei. Der Integrationsprozess erfordere von den Zuwanderern, die Landesprache zu erlernen, um Zugang zu Politik, Arbeit und Bildung zu erhalten. Die Deutschen müssten die Integration durch Aufgeschlossenheit fördern. Thierse sprach sich dafür aus, mehr Lehrer mit Migrationshintergrund einzustellen. Der öffentliche Dienst sei in der Pflicht, Migrantenkinder eine Ausbildung zu ermöglichen. „Tun sie mit!“ appellierte der Bundestagsvizepräsident an die ausländischen Eltern: Niemand kann Ihre Kinder besser vertreten als Sie selbst.“ Thierse verwies darauf, dass aus Unwissenheit und Angst Extremismus gestärkt werde. Ungeduld schadet der Integration“, warnte er. „Wir brauchen Engagement mit Geduld.“

Schattenseiten

Die Pressesprecherin des Bundesamtes für Verfassungsschutz Tania Puschnerat erläuterte anschließend, was extremistische Positionen attraktiv macht und bewertete Extremismus als die „Schattenseite mangelnder Integration“. Extremistische Organisation suggerierten Jugendlichen klare Ziele, Gemeinschaft und Anerkennung. Gelungene Integration sei das wichtigste Element gegen politischen Extremismus und Terrorismus.

Gemeinsam engagieren

Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat, beschäftigte sich mit der Integrationsfähigkeit des deutschen Schulsystems. Er forderte eine Verbesserung der Lehrerausbildung im Hinblick auf die Integrationsproblematik und die Einführung des Faches Deutsch als Zweitsprache. Ferner müssten Wertschätzung, Kooperation, Motivation und Förderung einschließlich der Sprachkompetenz vor der Einschulung beachtet werden. „Es ist gut, wenn alle mitmachen. Es ist gut, wenn alle sich gemeinsam engagieren. Es ist gut für Deutschland.“

Gewinn für alle

Der Berliner Migrationsbeauftragte Günter Piening fragte schließlich nach der Rolle des öffentlichen Dienstes. Durch die migrationsbedingten Veränderungsprozesse in der Gesellschaft gebe es auch dort großen Handlungsbedarf. Die Vermittlung interkultureller Kompetenz für alle Mitarbeiter sei notwendig. Ferner müssten mehr Beamte, zum Beispiel bei der Polizei oder in den Kommunen, mit Migrationshintergrund eingestellt werden, damit Migranten den öffentlichen Dienst nicht überwiegend als etwas Fremdes wahrnehmen und die Verwaltung zudem ihre Zukunftsfähigkeit sicher stelle. Das neue Gesicht des Amtes müsse „bunt sein und könne auch das ein oder andere Kopftuch zeigen“, sagte Piening. „Wenn wir gemeinsam daran arbeiten, gewinnen wir letztlich alle.“

Lehrer gefordert

Zum Abschluss der Veranstaltung diskutierten arabisch- und türkischstämmige Schülerinnen und Schüler von der Herbert-Hover-Oberschule und des privaten Tüdesb Gymnasiums Berlin über ihre Erfahrungen. Sie fühlen sich im Großen und Ganzen gut integriert. Dennoch bemerken sie immer wieder die leisen Ressentiments, die ihnen im täglichen Leben begegnen. Aber trotz unterschiedlicher persönlicher Erfahrungen sind sie der Auffassung, dass Migranten sich anpassen sollten, ohne dabei aber ihre Wurzeln zu verleugnen: „Wer sich nicht anpasst, kommt in der Gesellschaft nicht weiter“.

Darüber hinaus fordern die Schülerinnen und Schüler mehr Engagement der Lehrer. An den beiden Schulenfunktioniere dieses „Geben und Nehmen“ gut. Anderswo sieht es mitunter aber ganz anders aus: „Solange selbst Lehrer nicht an uns glauben und die Gesellschaft uns als Ausländer betrachtet, fällt die Integration schwer“, bringt Fatma es auf den Punkt.

Schlüssel zur Zukunft

In seinem Schlusswort betonte der stellvertretende jugend-Vorsitzende Thomas Löwe nochmals, dass der Weg zur Integration über die Bildung gehe. „Die Themen Bildung und Integration sind Zukunftsfragen, die in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gehören.“ Politik, Eltern und Schüler dürften nicht nachlassen, positive Akzente zu setzen, damit der pädagogische Anspruch von Schulen wie des Tüdesb Gymnasiums und der Herbert-Hover-Oberschule nicht Sonderfall bleiben, sondern zum Regelfall werden.